Werdumer Altengroden ist 400 Jahre alt                                      31.01.2018


Heute ist der Werdumer Altengroden fruchtbares Ackerland


weite Landschaft von Bäumen und Büchen gesäumt

(Rainer Hinrichs) Die Eindeichungsgeschichte der ostfriesischen Deiche ist noch keine 1000 Jahre alt. Sie ist jedoch eine wechselvolle Geschichte, die gerade durch verheerende Sturmfluten und deren Auswirkungen für die Versorgung der Bevölkerung (Versalzung des Bodens im Binnenland und nach folgenden Missernten über mehrere Jahre), aber auch politischen Einflüssen immer wieder Unterbrechungen unterlegen war.
Deichbau war Sache des Landesherren, und dies waren lange die Häuptlinge. Deichbau war auch eine kostspielige, aber lukrative Sache, denn das gewonnene Land konnte wegen seiner guten Fruchtbarkeit teuer an bewirtschaftende Pachtbauern abgegeben werden.

Als erster Schritt der Eindeichung ist im 12. und 13. Jahrhundert um die gesamte ostfriesische Halbinsel ein etwa 50 bis 100 Zentimeter hoher Deich, der sogenannte Goldene Ring, entstanden, um die hochwassergefährdeten Gebiete entlang der Küste zumindest vor den normalen Gezeiten zu schützen. Auf diesen Deichen führen heute vielfach die verkehrstragenden Straßen wie zum Beispiel der Werdumer Altendeich ab Neuharlingersiel-Mühlenstrich entlang.
„Goldener Ring“ hält kaum Stand

Diese Deiche hielten natürlich keinen großen Sturmfluten stand, wie die Große Marcellusflut vom Februar 1362 eine war. Wegen ihrer verheerenden Auswirkungen wurde sie auch die „Große Manntränke“ genannt, da ihre Fluten bis weit ins Binnenland reichten. Sie zerstörte zumindest die Schutzwirkung des Goldenen Rings, so dass die Einzel- und Dorfwarften wieder den kompletten Gewalten der Gezeiten ausgesetzt waren.
Es folgte eine Phase mit kriegerischen Auseinandersetzungen im 15. Jahrhundert, in dem die Mächteverhältnisse im eigenständigen Harlingerland und der benachbarten Grafschaft Ostfriesland neu geordnet wurden.
Für Werdum bedeutete dies, dass die wirtschaftlich wichtigen Wasserzugänge zur Nordsee zu erhalten waren. Diese bestanden wahrscheinlich in Wallum und im Bereich der Burg Edenserloog.
Zu Beginn des 16. Jahrhunderts überwog jedoch das Bedürfnis, neues Land zu gewinnen und zumindest die bei der Marcellusflut verlorenen Gebiete zurückzugewinnen: So entstand bis etwa 1550 das heutige Gebiet von Werdumer Altendeich – mehrere Tausend Hektar wertvollsten Ackerlandes, das von der Seriemer Mühle, Kapkehörn, Nordwerdum bis nach Wallum reichte.

Erste Flächen werden gewonnen

Aber auch auf der anderen Seite des alten Ringdeiches bis zum heutigen Altharlingersiel wurden große Flächen gewonnen. Diese Landgewinnung entwickelte sich immer weiter gen Osten in Richtung des heutigen Altharlingersiel (gegründet 1578) und Altfunnixsiel (gegründet 1598) und ermöglichte 60 Jahre später 1658 die Gründung von Neufunnixsiel.
Die Gewinnung des Werdumer Altengrodens endete jedoch 1617, etwa am heutigen Spinnereiweg, und brachte damit zunächst eine jahrzehntelange Phase der Landgewinnung zum vorläufigen Abschluss. Sie fiel in die Herrschaftszeit von Graf Enno III. von Ostfriesland (1563–1625, regierte seit 1599), mütterlicherseits ein Enkel von König Gustav Wasa von Schweden (1496–1560, regierte seit 1523) und seit 1600 durch den Berumer Vergleich (Heirat 1581 mit der letzten Herrin des Harlingerlandes Walpurgis, 1555– 1586) auch Herrscher im Harlingerland, also in den Ämtern Esens und Wittmund.
Der für die Burg Edenserloog und das Dorf Werdum wichtige Wasserzugang zur Nordsee konnte zunächst durch das Alte Werdumersiel (etwa in Höhe Weißer Floh) noch erhalten werden, durch das 1617 entstandene Neue Werdumer Siel (Lage in Höhe des Spinnereiweges) war dieser jedoch verloren, da er im Bereich des Amtes Wittmund lag.

Ämter Esens und Wittmund im Einklang

Besonderheit dieser Landgewinnung ist sowieso, dass sie von vorneherein amtsübergreifend in den Ämtern Esens und Wittmund erfolgte: Ein Teil der Ländereien befand sich im Esenser Einflussgebiet, der übrige im Wittmunder. Dies macht sich noch heute dadurch bemerkbar, dass etwa die Hälfte der Bewohner Werdumer Altengrodens Esenser Bürger, die anderen Wittmunder Bürger sind.
Dies gilt jedoch nur für die politische Gemeinde, kirchlicherseits gelten andere Grenzen: So kann es sein, dass man seine Steuern nach Wittmund zahlt, aber nach Werdum in die Kirche geht.
Quellen und Literatur:
Balthasar Arends, Landesbeschreibung vom Harlingerland, Reprint Esens 1993, hrsg. Von Dr. Heinrich Reimers, Wittmund 1930. Harlebucht erfahren, 8 Karten und Einführung, Schortens 2005. Axel Heinze: in Ortsnamendatenbank www.ostfriesischelandschaft.de; abgerufen 2. 12. 2017. Axel Heinze in: Anzeiger für Harlingerland vom 2. 12. 2017, Serie zur Weihnachtsflut 1717, Teil 1. Wiard Hinrichs, Kopfschatzung 1757, Aurich 2009, Es 60, Vogtei Werdum. Wiard Hinrichs, Volkszählung 1861, Die Einwohner der Ämter Esens, Friedeburg, Wittmund und der Stadt Esens, Werdum 2009. Historisch-Landeskundliche Exkursionskarte von Niedersachsen, Blatt Wangerland, Göttingen 1986. Neue Heimatkarte von Ostfriesland, Ernst Völker Verlag Oldenburg. Andreas-Michael Pajonk, Die Harlebucht, Oldenburg 2003, S. 142 ff. Günter Peperkorn, Werdum – Aus der Geschichte eines Marschendorfes, Thunum 2003. Almuth Salomon, Geschichte des Harlingerlandes bis 1600, Aurich 1965, S. 120 f. Ulrich von Werdum, Series Familiae Werdumanae, Die Geschichte des Hauses Werdum. 2 Teile, Aurich 1983, Seite 76.